Vom Geheimnis der Chinsesischen Wunderkugel
eine Sage aus dem “Reich der Mitte”
Vor vielen, vielen Jahren, so erzählt eine Sage aus China, herrschte dereinst ein Kaiser, der von sich, seinem
Wissen und seiner Macht sehr eingenommen war. Eines Tages ließ er im gesamten Reich der Mitte verlautbaren, dass er
demjenigen die Hand seiner wunderschönnen Tochter reichen würde, der ihm ein unlösbares Rätsel stellen könne.
Würde es ihm aber gelingen, das Rätsel zu lösen, so würde der Kopf des verwegenen in den Staub rollen.
Unzählige Bewerber kamen daraufhin an den Hof des Kaisers, und alle brachten etwas mit, das ihrer Ansicht nach von
niemandem durchschaut werden könnte. Doch nicht umsonst hatte der Kaiser auf die ihm unterstehende geistge Macht
vertraut.
Über kurz oder lang hatte jedes Geheimnis seine Aufklärung gefunden, jedes Rätsel seine Lösung, und die an der
Allmacht und der Allwissenheit des Kaisers zweifelnden wurden unbarmherzig von Leben zum Tod befördert.
Jahre vergingen, und schon lange hatte es niemand mehr versucht, das Wissen seiner Person gegen das des
kaiserlichen Imperiums zu stellen.
Schon triumphierte der Kaiser ob seiner Unfehlbarkeit, als sich eines Tages ein
Mann meldete, der gar nicht danach aussah, als ob er mit den Segnungen des Geistes überschüttet wäre.
Ein altes verhuzeltes Männlein, das gebeugt an einem Stock ging, und sonst nichts bei sich trug als eine Kugel
aus Elfenbein so groß wie der Kopf eines Kindes. Dieser präsentierte er dem Kaiser und sprach:
“Allmächtiger! Verzeih deinem niedrigen Diener, dass er es wagt, in den Glanz deiner Herrlichkeit zu treten
um dir ein armseliges Rätsel zur Lösung anzubieten. Dein letzter Sklave ist überzeugt, dass es deinem Scharfsinn
mit einem Blick gelingen wird, das Rätsel zu lösen.
Bei dieser Kugel handelte sich um eine sogenannte “Chinesische Wunderkugel”, eine mit feinsten
Schnitzereien ausgestattete Kugel aus Elfenbein in der sich eine ebensolche, etwas kleinere Kugel frei bewegt.
In dieser Kugel war wieder eine Kugel und auch in der nächsten und in der nächsten... und alle bewegten sich frei.
Da nun aber keiner der Weisen am Hof des Kaisers sagen konnte, wie diese wohl doch von der Hand eines Menschen
gefertigte Kugel hergestellt worden war, bot man dem alten Mann an, so lange am Kaiserhof zu wohnen, bis des
Rätsels Lösung gefunden sei.
Tage, Monate und Jahre waren vergangen, niemand wußte die Lösung
des Rätsels, da bat der Alte, der sein Ende nahen fühlte, den Kaiser, ihm eine Nachtigall zu bringen.
Ihr würde er das Geheimnis verraten. Der Herscher frohlockte und war gewiß, das Gespräch des alten
mit dem Vogel belauschen zu können. Man brachte dem Mann den Singvogel, doch so sehr man auch an den Türen
lauschte, man vernahm keinen Laut. Der alte Chinese hatte sein Vermächtnis auf ein Stück Pergament
niedergeschrieben und das Geheimnis dem Tier anvertraut, indem er es an dessen Fuß gebunden hatte,
und dann den Vogel durch das offene Fenster davonflattern ließ. Dann legte er sich hin und starb.
Da wir aber nun aber nicht annehmen können, dass diese Nachtigall einige tausend Kilometer und ein paar
Jahrhunderte im Flug hinter sich gebracht hat, muß der Otto Potsch wohl selbst die Lösung des Rätsels
gfunden haben. Aus Elfenbein hat der damals gerade 19 Jahre junge Elfenbeinschnitzer seine erste, von ihm
Sphärenkugel genannte Wunderkugel geschaffen. Eine Kugel von etwa 17 cm Durchmesser in deren Oberfläche
der Künstler Mistelzweige geschnitten hat und in der sich wieder eine etwas kleinere Kugel dreht, in der sich
eine Kugel dreht... bis zu vierundzwanzig mal wiederholt sich die Kugel in dr Kugel bis zu der kleinsten Kugel
von nur wenigen Milimetern Durchmesser.
Da aber Otto immer ein Suchender war und ist, hat er eine dieser Wunderkugeln aus dem wesentlich schwieriger
zu bearbeitenden Edelserpentin geschaffen und ehe auch das zur Routine wird, hat er eine dieser Kugeln, so
gefertigt, daß aussen der rohe Block aus Edelserpentin, so wie er ihn im burgenländischem Bernstein
gefunden hatte, erhalten geblieben ist in dessen Innerem sich die Kugel in den Kugeln frei bewegen.
Die Drehbank die der Otto für die Herstellung dieser wirklich archaischen Sphärenkugel konstruiert hatte,
ist im Grunde genommen selbst ein Kunstwerk und kann im Felsenmuseum Bernstein bewundert werden, so wie die
recht unterschiedlichen Chinesischen Wunderkugeln auch. Bis auf die eine, die nach der Ausstellung
österreichicher Künstler im Kunstmuseum von Alma Ata, der Hauptstadt von Kasachstan noch heute
dort zu sehen ist.
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